Charité für geflüchtete Frauen: Women for Women

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Geflüchtete Frauen unterscheiden sich, was ihre Gesundheitsversorgung angeht, in ihren Bedürfnissen vielfach von Männern:

Beispiele für solche Unterschiede sind, dass geflüchtete Frauen häufig geschlechtsspezifische Traumatisierungen erfahren haben und die fehlende Kinderbetreuung den Zugang zu medizinischer Versorgung erschwert. Vor allem seelische Themen, aber auch gynäkologische Fragen sind oft mit Scham verbunden. Das Pilotprojekt sollte Vertrauen schaffen und sich an den spezifischen Bedürfnissen der Frauen orientieren.

Grundlegende Zielsetzung des Projektes

Im Rahmen des Projekts sollen Barrieren im Zugang zur pschosozialen und gynäkologisch-geburtshilflichen Betreuung von geflüchteten Frauen in Unterkünften des Landes Berlin abgebaut werden und gleichzeitig eine präzise Datenerhebung über die spezifischen Bedürfnisse und Hindernisse der Frauen stattfinden. In Form von Vorträgen zum Thema Frauengesundheit sowie seelischer Gesundheit und anschließenden Gesprächskreisen wird ein erster Zugang hergestellt und wenn notwendig eine anschließende Therapie eingeleitet. Als Ergebnis kann damit sowohl ein dringend notwendiges Hilfsnetzwerk aufgebaut als auch eine valide Situationsanalyse für weitere politische Maßnahmen bzw. den Ausbau der Maßnahmen auch über die Landesgrenzen hinweg erstellt werden.

Die besondere Situation von geflüchteten Frauen

Von Betroffenen und Hilfsorganisationen wurden wiederholt verschiedene Hindernisse in der medizinischen Versorgung von geflüchteten Frauen in Berlin und Brandenburg identifiziert, die dringliche Maßnahmen zur Unterstützung erforderlich machen:

  • Einige geflüchtete Frauen haben seit Jahrzehnten keine medizinische Versorgung in Anspruch genommen, weil diese in den Herkunftsländern entweder nicht vorhanden war oder zu teuer war.
  • Die räumliche Enge und die fremde Umgebung, in der Flüchtlinge in Sammelunterkünften leben, leistet sexualisierten Übergriffen und Diskriminierungen Vorschub und verhindert oftmals die Artikulierung eigener – geschlechtsspezifischer – Bedürfnisse und medizinischer Probleme.
  • Die Verantwortung für mitreisende Kinder und Angehörige erschwert es insbesondere Frauen, Angebote der medizinischen Versorgung wahrzunehmen.
  • Die gynäkologisch-geburtshilfliche Versorgung ist für die Betroffenen oft nur schwer zu organisieren.
  • Den Frauen werden GynäkologInnen zugewiesen, die ihnen vorher nicht bekannt sind, zu denen sie kein Vertrauensverhältnis haben und die manchmal nicht einmal englisch sprechen.
  • Zum fehlenden Vertrauen trägt außerdem bei, dass nur wenige Ressourcen für Dolmetscher/innen existieren. Zusätzlich erschweren oft fehlende interkulturelle Kompetenzen des medizinischen Personals die Ärztin-Patientin-Kommunikation und das notwendige Vertrauensverhältnis.
  • Zudem berichten Frauen immer wieder über ausländerfeindliche Behandlung bei den Ämtern aber auch im medizinischen Gesundheitssystem.
  • Die Formalitäten zur Wahrnehmung medizinischer Versorgungsmaßnahmen und das Vergütungssystem sind zurzeit uneinheitlich und für die Flüchtlinge nur schwer verständlich. Im System mit Krankenschein entscheidet häufig das nicht-medizinische Personal auf dem Sozialamt darüber, ob Spezialbehandlungen stattfinden dürfen oder nicht. Solche Entscheidungen werden sehr häufig als willkürlich und intransparent erlebt.
  • Den medizinischen Autoritäten vor Ort wird oft nicht vertraut, weil wiederholt Informationen nach außen beispielsweise an die Ausländerbehörde gelangt sind.
  • Es besteht Konsensus darüber, dass es einen großen Bedarf gibt an Beratung zum Thema Hygiene in den Asylunterkünften, der bisher nicht adressiert wird.

Angebot im Rahmen des Projektes

In Anbetracht dieser Hürden auf dem Weg zu einer gezielten, fachärztlichen Betreuung auf einem Minimal-Niveau werden die nachfolgend aufgeführten, aufeinander aufbauenden  Versorgungsleistungen anvisiert. Das Ziel ist dabei, über das Thema Frauengesundheit zu informieren und einen unmittelbaren Zugang zum ärztlichen Versorgungssystem zu schaffen. Eine weiteres Format der gesprächskreise umfasst das Thema Seelische Gesundheit für Frauen und Familien in Zusammenarbeit mit Ipso e Care.

  1. Im Rahmen von Informationsveranstaltungen werden die Frauen direkt vor Ort in den Unterkünften kontaktiert (verschiedene Sprachen bzw. Analphabetismus kann dabei berücksichtigt werden). Damit die Frauen teilnehmen können, wird nach Möglichkeit eine kostenlose Kinderbetreuung angeboten.
  2. In anschließenden, vertraulichen Einzelgesprächen können dann individuelle Probleme aufgegriffen und Fragen erörtert werden. Durch die begleitende wissenschaftliche Erhebung kann ein präziser Status der Bedürfnisse erhoben sowie der notwendigen Maßnahmen erstellt werden.
  3. Eine evtl. notwendige Therapie in einem örtlich nahegelegenen Krankenhaus kann geplant und organisiert werden.

Da im Rahmen der Vortragsveranstaltungen und den anschließenden individuellen Beratungseinheiten lediglich Versorgungsbedarfe identifiziert und keine medizinische Untersuchung durchgeführt werden kann, steht im Hintergrund ein Netzwerk von Expertinnen und Experten zur weiteren ambulanten oder ggf. auch stationären Versorgung zur Verfügung. Innerhalb der gynäkologischen Ambulanz der Charité (Prof. Dr. Jalid Sehouli) werden Sprechstunden eingerichtet und eine ärztliche Versorgung vorgehalten.

Der Unterschied zur herkömmlichen medizinischen Versorgung besteht in einem Angebot, das an die besonderen Bedürfnisse von Frauen mit Fluchtgeschichte angepasst ist:

  • in einer Sprechstunde mit Dolmetscher/innen in den Sprachen: Arabisch, Farsi, Russisch, Serbisch, Tigrinya, Französisch, etc.
  • in einer kultursensiblen Vermittlung des Angebots und der Auswahl von medizinischem Fachpersonal, welches um die besondere Situation von Frauen mit Fluchtgeschichte weiß, also sensibel ist für die Themen Gewalt, Trauma, Diskriminierung, Angst vor Abschiebung etc.

Informations-Veranstaltungen in den Unterkünften zum Thema Frauengesundheit

Dieses Objekt haben Kinder geflüchteter Frauen während einer Veranstaltung des Projekts gebaut.

Eine gynäkologisch-geburtshilfliche Facharztkraft (weiblich) sowie weitere medizinische und psychosoziale Fachkräfte, sowie ein Team der Gleichstellungsbüros besuchen die geflüchteten Frauen gemeinsam mit  medizinisch geschulten Dolmetscherinnen vor Ort in den Heimen in Berlin. Es wird dort ein allgemeiner Vortrag gehalten zum Thema ‚Frauengesundheit in Deutschland‘ oder auch zum Thema "Seelische Gesundheit in Familien", in welchem über das Gesundheitssystem, Vorsorgeangebote etc. informiert wird.

Im Anschluss an die Vorträge haben die Frauen die Möglichkeit mit den Fachkräften in Einzelgesprächen über individuelle Fragestellungen oder Probleme zu sprechen. Weiterer Beratungsbedarf oder auch Therapie-Notwendigkeiten können besprochen und geplant werden. Fallweise wird eine stationäre oder ambulante Weiterbehandlung in einer ambulanten Sprechstunde in einem der nahegelegenen Häuser der Charité oder von Vivantes notwendig sein und eine entsprechende Empfehlung kann diesbezüglich ausgesprochen werden. Während der öffentlichen Veranstaltungen und der Einzelgespräche wird Kinderbetreuung angeboten.

Kontakt

Ein Projekt unter der Leitung von:

  • Dr. Christine Kurmeyer, Zentrale Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte
  • Prof. Dr. Jalid Sehouli, Direktor der Klinik für Gynäkologie

sowie

  • Dr. Ingar Abels, Mentoring Competence Center Charité
  • Dr. Gülhan Inci, Fachärztin für Gynäkologie


in Zusammenbarbeit mit: Ipso e Care

Projektkoordination: Barbara Scheffer

Ärztliche und Wissenschaftliche Koordination: Dr. Gülhan Inci

Wissenschaftliche Begleitung und Evaluation: Dr. Ingar Abels

Weitere Materialien

Informationen zum Thema geflüchtete Frauen

MedGuide – Medizinischer Sprachführer in vielen Sprachen: edition-willkommen.de

Fachforum: Frauen, Flucht, Gesundheit: medfak.uni-koeln.de

Europäisches Parlament fordert geschlechtsspezifische Asylpolitik: europarl.europa.eu

Women's Refugee Commission: womensrefugeecommission.org

Amnesty International: Female refugees face physical assault, exploitation and sexual harassment on their journey through Europe: amnesty.org

Psychosocial care for Refugee Women: ipso-ecare.com

Huffingtonpost: Lone Women ‘Easy Targets’ For Exploitation In E.U.

Bundeszentrale für Gesundheitliche Aufklärung – InfoDienst Migration, Flucht und Vertreibung: infodienst.bzga.de

unternehmerinnen.tv: Stimmen der Flucht

Mehrsprachiges Portal zur sexuellen und reproduktiven Gesundheit: zanzu.de

Bundeszentrale für politische Bildung: Zahlen zu Asyl in Deutschland

Study on Female Refugees: Abschlussbericht (PDF-Download)

OECD: Working together: Labour Market Integration of Refugees in Germany and other OECD Countries